
Es ist der zwanglose Zwang des besseren Arguments, der uns zu Stellungnahmen motiviert. Wir wollen es genauer wissen. Oder wir wissen es besser. Wenn Vorurteile in Frageform angesprochen werden, verlieren sie ihren negativen Charakter. Stattdessen fordern sie uns auf, nachzudenken. Im Modul „Blaue und gelbe Gruppe“ richtet sich die Aufforderung an eine Gruppe. Gemeinsam muss die Frage „richtig“ beantwortet werden. Jeder kann Position beziehen aber auch Unsicherheit zeigen. Immer mehr Gesichtspunkte werden in die Diskussion eingebracht. Es entsteht eine dialogische Gesprächssituation. Auch diejenigen, die nicht selbst sprechen, sondern nur mithören, sind innerlich beteiligt.
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Wir hatten geplant, das Thema nicht direkt anzusprechen. Veränderungen im Lauf von 40 Jahren der Migration war als Motto vereinbart. Homosexualität sollte nur so nebenbei einfließen, das fand auch die Leiterin der Migrantinnengruppe. Dann kam alles anders. Ein Mitarbeiter des LSVD outete sich gleich zu Beginn der Veranstaltung. Und die Frauen, die uns eingeladen hatten, griffen das sofort auf. Wir waren überrascht, wie aufgeschlossen sie reagierten. Viele kannten Lesben und Schwule aus ihrem Alltag.
Lütfi, der Sozialpädagoge, berichtet aus der Beratungsstelle. Die Frauen sind schockiert, dass es noch Zwangsverheiratung gibt. Ihr Thema ist die Liebe zu den Kindern. Sie würden sich Sorgen machen, dass homosexuelle Söhne ausgegrenzt werden. Ihre Botschaft ist klar: Eltern müssen ihre Kinder lieben! Die Frage nach medizinischer Heilung taucht auf. Die Versuche, in religiösen Internaten die Kinder zu verändern, werden verurteilt. Manche religiöse Ansichten seien widersprüchlich: So würden zwar Homosexuelle in einer Moschee als pervers empfunden, doch eigentlich seien Sexualität und Glaube doch Privatsache.
Welche Strategie gewählt wird, wie das Thema Homosexualität eingeführt wird, hängt sehr von den Gastgebern ab und sollte abgesprochen werden. Wir schlagen vor, immer wieder inhaltlichen Input zu bieten. In Gruppen gibt es meist Wortführerinnen und Schweigerinnen. Die Schweigerinnen sollten direkt angesprochen werden. Das Ziel ist ein Gruppengespräch. In unserem Fall ist es gelungen, einen Raum zu schaffen, in dem ohne Vorurteile und Angst vor Verurteilung diskutiert werden konnte. Wir sind gleich ein zweites Mal eingeladen worden.